Zurück zu Windows

Auch wenn ich ein riesiger Fan von Linux und OpenSource-Software bin, muss ich doch zugeben, dass es auf brandneuer Hardware nicht wirklich rund läuft. Das konnte man ja auch schon bei meinem letzten Blog über Linux auf dem Thinkpad X1 Extreme zwischen den Zeilen lesen. Ich möchte hier nun beschreiben, warum ich zu Windows zurückgewechselt bin.

Ich bin für Linux vielleicht einfach etwas zu perfektionistisch veranlagt. Ständig sehe ich Problemstellen und die Lösung dieser Probleme kann dann Stunden in Anspruch nehmen. Leider gibt es unter Linux ziemlich viele solche Dinge, die man mit entsprechend Zeit und Know-How zum Laufen bringen kann, für die es aber in der Regel keine GUI-Lösung gibt.

Beispiele?

  • Mehrfingergesten (3+) auf dem Trackpad. Andere mögen hier einfach die Maus nehmen, ich erwarte, dass ich zumindest im Browser vor und zurückblättern kann.
  • Ruhezustand. Dieser funktioniert unter Linux nach einiger Einrichtung problemlos. Leider wurde er in den GUIs so gründlich ausgemerzt, dass man ihn nicht wieder aktiviert bekommt.
  • Reibungsloses Umschalten zwischen der Sparsamen Intel-Grafik und der leistungsfähigen nVidia-Grafik, gerade dann wenn man ein Dock benutzt.
  • Die DPI-Skalierung funktioniert mit X11 einfach nicht, auch wenn Ubuntu 20.04 etwas anderes behauptet. Und Wayland funktioniert mit nVidia nicht. Ich brauche aber die Skalierung, weil ich einen WQHD Monitor habe.

Um nur mal einige Beispiele zu nennen, die mich besonders umgetrieben haben.

Unter Windows funktionieren alle diese Punkte out-of-the-Box. Lediglich die Gesten zur Browsernavigation musste man in den Optionen (GUI!) konfigurieren – eine Sache von 1min.

Zukunft von Linux

Aus meiner Sicht müssen sich die Macher von Linux endlich mal auf solche wesentlichen Features konzentrieren, statt die drölfzigste Distribution und die 20. Paketverwaltung zu kreieren. Es gibt hier einfach ein Zuviel an Diversität. Das kostet wertvolle Entwicklerzeit und lässt sich in dieser Masse überhaupt nicht mehr sinnvoll testen.

Die Konfigurationsdialoge von Linux sind so spärlich gefüllt, dass man meistens gleich zum Terminal greift und die entsprechende Datei bearbeitet. Ich finde auf einem Desktop-System sollte fast alles per GUI konfigurierbar sein. Normale Nutzer wollen sich nicht mit Konfigurationsdateien herumschlagen und ich will es, wenn ich ehrlich bin auch nur auf Servern. Denn diese Dateien bergen das Problem, das Benutzer fehlerhafte Werte eintragen. Man muss also genau wissen was man tut.

Solange das nicht passiert, sehe ich keine Chance, dass Linux sich im Desktopsegment weiter verbreitet. Linux ist primär ein super stabiles System für Server und Embedded-Lösungen mit eigener GUI. Ein sinnvoller Anwendungsbereit sind auch Spezial-Distributionen wie Kali-Linux, Desinfec’t, im Allgemeinen Live-Systeme. Im Desktop-Bereich und insbesondere auf neuer Hardware ist der Nachholbedarf bei der Usability jedoch immens.

Nachteile von Windows

Natürlich ist auch bei Windows 10 nicht alles perfekt. Insbesondere ist der Datenschutz eben eher offen wie ein Scheunentor voreingestellt. Man muss aber auch sehen, dass Microsoft durch die Telemetrie selten auftretende Fehler leichter in den Griff bekommt. Bei Windows beschränken sich die Probleme darauf, Dinge abzuschalten, die eignetlich funktionieren.

  • Die Bing-Suche im Startmenü
  • Die vielen Kacheln mit Spielen etc. im Startmenü
  • Die Datenschutzeinstellungen möglichst restriktiv setzen (wird bereits bei der Installation abgefragt)

Ein systembedingter Nachteil ist die Sicherheit. Da man sich die Programme irgendwo herunterlädt, enthalten sie oft Adware oder schlimmeres. Man sollte sich angewöhnen, nicht nach „download XYZ“ zu googeln, sondern ein vertrauenswürdiges Portal wie Heise Downloads anzusteuern. In Installationsdialogen muss man gut aufpassen, dass man sich keine ungewünschte Drittsoftware mitinstalliert. Sonst wird man sich sehr schnell etwas einfangen, das sich mit Bordmitteln nicht mehr beseitigen lässt. Dann hilft Desinfec’t. Das musste ich am eigenen Leib erfahren.

Windows Subsystem für Linux (WSL)

Seit einiger Zeit kann man unter Windows 10 mit Bordmitteln ein Linux installieren. Zur Wahl im Microsoft App Store stehen unter anderem Ubuntu, Debian, Suse und Kali Linux. Das Tolle ist, dass man mit diesem Linux direkt auf das Windows Dateisystem zugreifen kann und sogar Skripte aus Windows und Linux-Befehlen mischen kann. Unter Windows kann man z.B.

wsl ls -l 

ausführen. Unter Linux finden sich das Windows Dateisystem unter /mnt/c/.

Zwar hat inzwischen auch die Windows PowerShell ein SSH-Kommando, aber bei der Steuerung übers Terminal ist Linux wirklich führend. Deswegen bin ich begeistert, wie reibungslos sich das nun auch unter Windows nutzen lässt.

Fazit

Die Arbeit mit Windows ist viel entspannter, man wird nicht ständig von irgendwelchen Macken abgelenkt, alles funktioniert einfach wie es soll. Natürlich sollte man trotzdem ein Systemabbild haben, damit man bei Problemen mit Updates schnell wieder zurück kann.

Auch muss man sich nicht ständig Gedanken machen, wie man Software X zum laufen bekommt. Ich nutze z.B. Lightroom zur Fotoverwaltung, das nun mit nativ instaliertem Windows auch die GPU-Beschleunigung nutzen kann. Das gleiche gilt für Spiele. Schade finde ich, dass Windows bis heute nur eine Partition für alle Daten von sich aus unterstützt und dass die Erstellung eines Recovery-Systems so kompliziert ist. Die Einbindung von Nextcloud in den Systemkalender und die Kontakte ist leider nur mit Tricks möglich – schade. Hier versucht Microsoft sein Exchange zu profilieren.

Doe OpenSource Community unterstütze ich weiterhin, indem ich in vielen Bereichen freie Programme nutze, die es auch für Linux gibt. urch WSL fehlt einem noch nicht mal das Terminal für Skripte oder automatisierte Textverarbeitung.